Manuale Tipografico


Vorwort von Giambattista Bodoni

Ich gebe hier die Früchte des Fleißes und sinnreichsten und nützlichsten Erfindung der Arbeit vieler Jahre, welche ich mit Lust der Menschheit ist, der Schrift. und Liebe an eine Kunst gewandt habe, Ihre vollkommenere Form ist die Kunst des die das vollendete Ergebnis der schönsten, Druckens, sobald es gilt, viele Exemplare des gleichen Textes zu erhalten, mehr noch, wenn es darauf ankommt, unbedingte Gleichartigkeit zu gewährleisten und ganz besonders, wenn es sich um ein Buch han­delt, das wert ist, in einer klareren und leichter lesbaren Form vor die Augen der Nachwelt zu kommen. Wer diesen nützli­chen Zweck und die ganze Reihe der Mit­tel betrachtet, durch die wir von der ersten Erfindung der Schriftzeichen vorwärts ge­kommen sind bis zu der Leichtigkeit, mit der wir heute auf tausend und abertausend regelmäßig bedruckten Blättern die sonst so flüchtigen Worte festzuhalten vermögen, dauerhafter und klarer geprägt als Lippen sie je formen könnten, der kann angesichts einer so großartigen Kunstleistung den Kräften des Menschengeistes seine Bewun­derung nicht versagen. Aber es wäre über­flüssig, den Wert einer Erfindung beschrei­ben zu wollen, die schon von vielen eine eingehende Behandlung und ausgiebiges Lob erfahren hat zum unvergänglichen Ruhm des glücklichen Jahrhunderts, das sie nicht nur gemacht, sondern auch so weit vervollkommnet hat, daß den Späte­ren wenig Raum übrig blieb, daran teilzu­nehmen. Auch halte ich es nicht für schick­lich, des langen und breiten von der eige­nen Arbeit zu reden, die ich auf die immer höhere Vollendung der herrlichen Kunst verwandt habe. Wenn Umfang und Ernst dieser Arbeit nicht aus meinem Werke sel­ber spricht, so möchte die Vorrede vergeb­lich davon Zeugnis zu geben suchen. Bes­ser werde ich meinen Zweck erreichen, wenn ich sie dazu benütze, einiges über die Methoden und Gesichtspunkte zu sa­gen, nach denen die Kunst sich beständig verfeinert. Ich kann nicht anders als mit großer Liebe von diesen Dingen reden, und wenn eines oder das andere meiner Worte in die Seele des Lesers dringt, sein Interesse erweckt und ihn veranlaßt, das Verdienst des Typographen am Buche besser zu würdigen, so wird die Zahl der Liebhaber wahrhaft guter Ausgaben wach­sen und damit auch der Mut und der Wett­eifer der Drucker, die ja nicht alle dem Golde mehr nachhängen als dem Ruhm. Um eine logische Ordnung einzuhalten, bemerke ich, daß man die Typographie auf zweierlei Art fördern kann: durch Verbes­serung und durch Erweiterung, zwei Din­ge, die zwar in der Praxis eng miteinander verbunden sind, in der Theorie aber, wie mir scheint, bei getrennter Behandlung sich besser erläutern lassen. Ich beginne also bei dem, was zur Erhöhung der Qualität erforderlich ist. Es ist jedoch nicht meine Absicht, mich über handwerkliche Hilfs­mittel zu verbreiten und so die Kunst des Druckens jedem zu lehren, der Lust hat, sie zu üben. Ich werde mich lediglich be­mühen, den Begriff des Fortschritts, wie er sich im fertigen Werke zeigt, zu erklären und in der Schönheit gut gedruckter Bü­cher die Meisterschaft der daran beteilig­ten Künstler aufzuzeigen. Der Begriff des Schönen darf natürlich nicht mit dem des Guten und Nützlichen ver­wechselt werden. Aber es sind doch im Grunde gleichsam drei verschiedene An­sichten einer und derselben Sache, von ver­schiedenen Seiten gesehen. Ein gut ge­drucktes Buch nützt um so mehr, je mehr Menschen es lesen. Denn mit der Zahl der Leser vervielfältigt sich zugleich das Ver­gnügen und der Gewinn, den sie aus der Lektüre ziehen, vorausgesetzt, daß das Buch gut ist. Die Anpassung an die Be­schaffenheit unserer Augen, die uns den einen Druck leserlicher erscheinen läßt als den anderen, ruft gemeinsam mit der Proportionierung der Einzelteile den Ein­druck der Schönheit hervor; Anmut und Klarheit erfreuen das Auge beim ersten Ansichtigwerden wie bei längerer Betrach­tung. Sehr oft sind wir indessen genötigt, ein und dasselbe Buch lange Zeit vor Au­gen zu haben. Wirkt dies nun auf das Auge weniger angenehm und führt es schneller zur Ermüdung als ein anderes, so wird man dem Druck auch die Schönheit absprechen müssen. Die Sehkraft ist sehr ungleichmä­ßig verteilt; nicht alle Augen werden da­her von einer bestimmten Druckschrift in gleicher Weise befriedigt oder angegriffen. Dies ist einer der Gründe, weshalb man nicht alle Bücher in der gleichen Art druckt, sondern allgemein drei verschiedene Ar­ten oder Gattungen von Schönheit im Buchdruck unterscheidet: eine prächtige in großen Formaten für Weitsichtige, eine zier­liche in kleinen für Kurzsichtige und eine mittlere, die für alle paßt und die ich ein­fach »schön schlechthin« nennen möchte. Der Weitsichtige, der, um deutlich zu se­hen, das Objekt weit von den Augen entfernthalten muß, kann die Schönheit ei­ner meisterlich gedruckten Folioseite auf einmal genießen, während der Kurzsichti­ge sie nur stückweise betrachten kann, da er gezwungen ist, das Blatt nahe an das Auge zu führen, wenn die Buchstaben nicht vor ihm verschwimmen sollen. Umgekehrt kann jener auch nicht eine Minute lang das Lesen einer Schrift aushalten, die dieser mit Vergnügen und ohne zu ermüden liest, vor­ausgesetzt daß sie sauber und gut geschnit­ten ist. Kurzsichtige Jünger der Wissen­schaft besitzen einen nicht geringen Ersatz für ihre mangelnde Fähigkeit, die Schön­heiten und Feinheiten an Gebäuden, Land­schaften und lebenden Objekten mit Au­gen zu genießen, denn für sie hauptsäch­lich sind die ebenso schönen wie kleinen Ausgaben der Rovilles, Jansons und Elzevirs und Genossen gemacht, die um die Wette die bedeutendsten Schriftsteller einer jeden Sprache in zierliche Bändchen gefaßt haben. Aus ihnen läßt sich eine ausgewählte, handliche und leicht tragbare Bibliothek zusammenstellen, ziemlich voll­ständig auf einzelnen Gebieten und doch nur wenige Pfund schwer. Zu diesem Vor­teil, besonders wichtig für den, der oft sei­nen Aufenthalt zu wechseln hat, kommt der weitere der größeren Billigkeit. Man kann bei diesen Drucken, die ich oben die »zier­lichen« genannt habe, den Gesichtspunkt der Sparsamkeit im Auge haben, was sich von demjenigen nicht sagen läßt, der sich die Lettern seiner Bücher so groß wünscht, daß sie den Vergleich mit den Louvre-Aus­gaben des Terenz, des Vergil, des Horaz, des Juvenal und des Persius bestehen kön­nen. Aber wenn diese kostspielige Art von Druk­ken auch nicht auf die erwähnten prakti­schen Vorzüge der zierlichen Anspruch ma­chen kann, so hat sie ihnen dafür selbst­verständlich ihre eigenen, nicht weniger wertvollen entgegenzusetzen. Diese näm­lich, daß dem Buche eine längere Lebens­dauer gewährleistet ist, und daß die hö­here Schätzung, die es genießt, sich auch auf seine Besitzer überträgt. Die handlichen und wohlfeilen Bände nützen sich leicht ab, werden nachlässig behandelt und gehen verloren. Die großen und prächtigen da­gegen werden besser bewahrt, weniger Ortsveränderungen ausgesetzt und die grö­ßere Festigkeit des Papiers leistet der heim­lichen Feile der Zeit länger Widerstand, sodaß sie viele Jahrhunderte überdauern… Worin aber sollen wir sagen, daß das Schö­ne bestehe?

Vielleicht in zwei Dingen vor allem: in der Harmonie, die den Geist befriedigt, indem sie zu erkennen gibt, daß alle Einzelteile eines Werkes sich der Gesamtidee unter­ordnen, und in den Proportionen, die das Auge oder vielmehr die Phantasie erfreu­en. Diese trägt ja bestimmte Vorstellungen und Bilder in sich und je mehr das Gese­hene mit ihnen übereinstimmt, desto grö­ßer ist das Gefallen daran. Die Harmonie, die sich aus der Übereinstimmung der Tei­le ergibt, sobald diese ihr Dasein nicht dem Zufall, sondern einer planmäßig zu einem bestimmten Zweck vorgenommenen Wahl verdanken, unterliegt – soweit sie sich klar zu entfalten vermag – der Kritik der Ver­nunft. Man begreift sofort, daß sie bei den kostbaren Drucken für jede Einzelheit ei­nen gewissen großen Stil verlangt, wäh­rend bei den zierlichen alles mehr auf Be­quemlichkeit und Sparsamkeit – wenn auch nicht Dürftigkeit – angelegt ist. Was die Pro­portionen betrifft, so sieht man klar, daß sie sich nach bestimmten Mustern richten, die man im Sinne hat und die nun als Richt­schnur dienen sollen, ähnlich wie einst die berühmte Statue des Polyklet den Bildhau­ern gedient hat. Aber eben so klar ist es auch, daß es sehr schwer fällt, bei den stark voneinander abweichenden Formen, die diese Richtschnur in den verschiedenen Köpfen annimmt, die wahre Norm für jede einzelne Gattung zu bestimmen. Das ein­zig Sichere scheint mir die Einhaltung einer mittleren Linie zu sein, die sich auf die Be­obachtung der gebräuchlichsten Verhält­nisse gründet, vorausgesetzt, daß dies mit der nötigen Unterscheidung geschieht. Soll man also beispielsweise die Schönheit ei­nes Buches nach Maßgabe seiner Höhe, seiner Breite und seines Umfangs beurtei­len, so hat man zunächst das Format in Betracht zu ziehen, ob Folio, Quart, Ok­tav, Doudez oder noch kleiner, wobei zu beachten ist, daß – in den Grenzen des Zulässigen – die kleinsten Formate die größte Freiheit haben. Was die Breite des Randes betrifft, so wäre es ein großer Feh­ler, die Durchschnittsbreite gewöhnlicher Ausgaben zum Muster nehmen zu wollen, die das Ergebnis einer schmutzigen Spar­samkeit sind. Es genügt auch nicht, die Schönheit allein zur Richtschnur zu ma­chen, wenn man zwischen den verschie­denen Gattungen nicht zu unterscheiden weiß. Denn ein breiter Rand, der bei einer kostbaren Ausgabe notwendig und von prachtvoller Wirkung ist, muß bei einer klei­nen als unnütz vermieden werden. Ältere Drucke haben allerdings oft einen beson­ders breiten Rand zur Aufnahme hand­schriftlicher Anmerkungen. Doch bedenkt man, wie gering die Zahl der Bücher ist, deren Wert durch solche mit eiliger Feder hingeschriebene Bemerkungen eher zu- als abgenommen hat, so muß man es doch für besser halten, wenn die Druckseite von jeder Kritzelei frei bleibt. Wer sich veranlaßt fühlt, Anmerkungen zu schreiben, sollte sich durch den Buchbinder besser die Blätter mit weißem Papier durchschießen lassen. Fest steht jedenfalls, daß derjenige, der dem Pu­blikum Meisterwerke der Typographie zu bieten unternimmt, sich nicht dazu verste­hen sollte, mit dem althergebrachten prak­tischen Vorteil auch die Schönheit zu op­fern, die aus dem Kontrast der ungebro­chenen Weiße des Randes zu den Linien des von ihm eingefaßten Textes entsteht. Aber hier stehen wir vor einem der heikel­sten Probleme der Druckkunst. Man kann nämlich den Text wie ein Gemälde mit ei­nem hübschen Rahmen umschließen und das nicht auf eine, nein auf zahllose Ar­ten, man kann tausend andere Verzierun­gen hier und dort einfügen, als da sind Schnörkel, Klammern, Rosetten, Kartu­schen, figürliche Initialen und Kupferstiche.

Es scheint nun, da bei der zierlichen Gat­tung von Drucken alle diese Verzierungen als unnütz fortgelassen werden, so möch­ten sie bei der prächtigen am Platz sein. Und dennoch sehen wir die wertvollsten Ausgaben dieser Art ohne jeden Schmuck: ja der Ruhm eines Baskerville gründet sich gerade darauf, ihn völlig verbannt zu ha­ben. Um die Schwierigkeit zu beheben, muß man nur die Zieraten, die in erhabe­nem Relief gearbeitet sind wie die Typen selbst und mit ihnen zugleich auf der Pres­se gedruckt werden, von den in Kupfer ge­stochenen trennen, die sowohl durch die Stichelarbeit, wie durch die Art des Druk­kens einer andern Kunst angehören. Die­se können gewiß unpassen sein, wenn sie entweder nicht schön genug sind, oder nach so unvernünftigem Plan angeordnet, daß man den Eindruck hat, sie könnten ebensogut oder besser auch an einer an­dern Stelle stehen. Treten sie aber zu ei­nem Buch hinzu, das in der denkbar her­vorragendsten und erlesensten Weise ge­druckt ist, und sind sie selbst gleicherart mit der größtmöglichen zeichnerischen und stecherischen Meisterschaft ausgeführt, so werden die Menschen nur allzu gern nach dem wertvollen Werke greifen. Um so mehr muß die Typographie ihren Ruhm darin suchen, zu zeigen, was sie auch ohne Schmuck zu leisten vermag. Auch tritt ohne ihn noch besser die Absicht hervor, die, wie wir gesehen haben, dem Bücherluxus zu­grunde liegt: Liebe zu den Wissenschaften und Achtung vor den Verfassern zu be­kunden. Diese Liebe kann sehr wohl Hand in Hand gehen mit derjenigen zu den schö­nen Künsten, die sich gerne mit guten Kup­ferstichen umgibt, aber noch besser zur Erscheinung kommt, wenn sie allein auf­tritt. Hinzu kommt, daß in den schönen Wissenschaften wie in der Philosophie der Geschmack der Kenner sich mehr und mehr dem Einfachen und Herben zuge­wandt hat und eine Schönheit ohne jedes Ornament, das ja doch nur entliehen wäre, jeder anderen vorzieht.

Heute verwirft diese Strenge des Ge­schmacks jedes nichtssagende Übermaß und sieht nur Spielereien in all jenen Ran­ken und Schnörkeln, die der Geschicklich­keit des Typographen so mannigfachen Anlaß zur Betätigung gegeben haben. Es wäre somit nicht klug, einen übermäßi­gen Gebrauch davon zu machen, ausge­nommen vielleicht in Büchern, die sich nicht so sehr an den wissenschaftlich Ge­bildeten wenden oder die für Leute von minder empfindlichem Geschmack ge­druckt werden. Ein Buch wird um so mustergültiger, je rei­ner die einfache Schönheit der Typen in ihm zur Wirkung kommt. Aus ihr spricht, in ihr beruht, mit einem Worte, der Ruhm der Buchkunst. Und das mit Recht; denn einzig die Typen bestehen notwendig ganz durch sich selbst, alles übrige aber erst durch sie. Es ist wohl angebracht, dies etwas einge­hender zu begründen und die vier verschie­denen Quellen anzuführen, aus denen, wie ich glaube, all ihre Schönheit abzuleiten ist.

Da ist zunächst die Regelmäßigkeit. Wenn wir das Alphabet einer beliebigen Spra­che zergliedern, so werden wir nicht nur viele ähnliche Züge in den einzelnen Buch­staben wahrnehmen, sondern auch finden, daß sie sich alle aus einer kleinen Zahl verschieden gruppierter, aber in sich iden­tischer Teile zusammensetzen. Wenn wir nun alles, was nicht für die Unterscheidung wichtig ist, auf die nämliche Grundform bringen und die unterscheidenden Merk­male so klar wir möglich hervortreten las­sen, so kommt Gesetz und Ordnung in die Form der Lettern, es ensteht Gleichmäßig­keit ohne Doppelsinn, Verschiedenheit ohne Mißklang, Ähnlichkeit und Symme­trie ohne Verworrenheit. Es ist ein natürli­cher Vorzug des Druckes, daß jeder Buch­stabe immer wieder die gleiche Form er­hält, da er in derselben Matrize zu Tausen­den gegossen und von einem und dem­selben Stempel geschlagen wird

Ein zweiter, kaum minder wichtiger Vorzug ist die Sauberkeit und Glätte, die, bedingt im Grunde durch die Vorzüglichkeit der Stempel, auf dem reinlichen Guß der Ty­pen beruht und auf den Blättern eine spie­gelglatte Fläche schafft, die, wenn ich mich so ausdrücken darf, von messerscharfen Kanten begrenzt wird. Aber bis es zum ei­gentlichen Bedrucken des Papiers kommt, wird vom Drucker noch viel Scharfsinn und Sorgfalt gefordert. Denn wie der gleiche Buchstabe in neuem Zustand sauberer her­auskommt, als wenn er schon abgenützt ist und das, obwohl in beiden Fällen die gleiche Sorgfalt darauf verwendet wurde, so können auch Typen aus verschiedenen Gießereien, selbst wenn sie gleich neu sind, mehr oder weniger klar herauskommen. Und es gehört eine vortreffliche Schulung dazu, bei der Vergleichung die Unterschie­de mit dem bloßen Auge festzustellen. Anders verhält es sich mit dem dritten Punk­te, der Auswahl der besten Formen auf Grund des guten Geschmacks und aus dem Geiste der Nation und des Jahrhun­derts heraus. Denn wie überall, so herrscht auch in der Schrift die Mode und gibt ihr Gesetze, vernünftige und unvernünftige. Wo indessen ein gesunder Sinn sich nicht an diese Gesetze gebunden fühlt und wo die Mode, minder tyrannisch, ihm einige Freiheit läßt, da hält sich der gute Ge­schmack an eine gepflegte Einfachheit, die nicht etwa so zu verstehen ist, daß die Buchstaben überall gleichstarken Duktus aufweisen sollen, sondern die in zarter und anmutiger Weise den schönen Gegensatz von Licht und Schatten, wenn ich so sagen darf, zur Geltung kommen läßt, wie ihn eine gut geschnittene Feder und Hand­haltung der Schrift verleiht. Dies alles wird noch klarer, wenn man erwägt, daß es nicht eine wesentliche metaphysische Überle­genheit des Einfachen über das Kompli­zierte ist, derzufolge man beim Buchdruck jenem den Vorzug gibt. Vielmehr ist der Druck, da er ja dazu erfunden wurde, die Handschrift zu ersetzen, um so vollkom­mener, je ähnlicher er den schönsten Ma­nuskripten ist; in diesen aber verurteilt der Ernst der Gelehrten jedes ermüdende Übermaß und jede Spielerei, freilich so, daß der Anschein der Armseligkeit vermie­den wird. Anmut heißte das vierte und letzte Erfordernis zur Schönheit des Druckes. Je­der weiß, wie schwer es sich sagen läßt, worin dieses feine, liebliche, gefällige Et­was besteht, das wir Anmut nennen. Eines scheint gewiß: sie muß natürlich und an­geboren sein. Von Künstelei und Gezwun­genheit ist sie soweit entfernt, daß wir nicht fehlgehen, wenn wir sie unter den selte­nen und vollkommenen Dingen suchen, in denen das lautere Geschenk Gottes mit der Glückseligkeit der Natur sich berührt. Gewiß ist sie auch oft das Ergebnis langer Übung und Gewöhnung, durch die ja die schwierigsten Dinge leicht werden, so daß sie schließlich ohne viel Nachdenken aufs beste gelingen. Die Anmut einer Schrift beruht denn auch mehr als sonst irgend­wo auf einer gewissen Ungezwungenheit der Linien, auf ihrer Freiheit, Kühnheit und Geläufigkeit. Doch müssen sie trotzdem in der Form exakt, in der Stärke gut abge­stuft sein, sodaß auch der Neid nichts zu verbessern findet. Man geht vielleicht am sichersten, wenn man einfach sagt: Die Buchstaben haben dann Anmut, wenn sie nicht mit Unlust und Hast, auch nicht mit Mühe und Fleiß, sondern mit Lust und Lie­be geschrieben sind.